„Nichtalltägliches aus dem Leben eines Beamten“ und „Klassentreffen“ – Zwei Theaterstücke

Autor: Martin Schörle

Verlag: Engelsdorfer Verlag

In dem rund 120 Seiten starken Büchlein sind zwei Theatertexte gesammelt, von denen eines – das „Klassentreffen“ beim Wettbewerb „Stücke Schießen – Neue Dramatik. Neue Autoren. Neue Theatertexte“ vom Publikum zum Gewinnertext gekürt wurde. Zu Recht, möchte ich sagen, denn ich habe – nur lesend – beide Stücke aus vollen Zügen genossen, musste sie irgendwann sogar vorlesen, weil mein Mann wissen wollte, was es denn da alles zum Lachen gäbe.

Nichtalltägliches aus dem Leben eines Beamten

Der Prototyp eines Beamten, Hans Fredenbek, unterhält das Publikum in einem witzig-intelligenten Monolog, reißt Themen auf, lässt sie wieder fallen, um sie dann wieder aufzugreifen und ihrer Vollendung zuzuführen und verschafft uns Einblicke in das Innenleben eines Beamten – „der einzige Berufsstand, der von der übrigen Bevölkerung kollektiv gehasst wird“ – der mit einer Menge Herausforderungen zu kämpfen hat. Von der Wahl des richtigen Radiergummis, über die korrekte Anmache einer Mitarbeiterin, die Mammutaufgabe, alle Ordneretiketten neu zu schreiben und zu nummerieren bis hin zu der verzweifelten Frage, was das Kürzel SHz in seinem Kalender zu bedeuten habe. Dabei lässt er sich von Tagträumereien hinreißen, versteigt sich in anschaulich erklärten Diskursen über die weibliche Seele – mit einigen Stellen, bei denen amüsiert-entrüstete Proteste von weiblichen Zuschauern garantiert sind.

Man sieht ihn vor sich diesen Fredenbek, wie er einen Antrag aufgrund eines Rechtschreibfehlers oder einer Tautologie zurückweist, nach oben buckelnd, nach unten tretend und gefangen in all den Zwängen, denen er als Verursacher der zunehmenden Bürokratie unterlegen sein muss. Selbst im Privatleben kann er sich von dieser Welt aus Dienstverordnungen, Aktenzeichen und Stempeln nicht verabschieden und so wird das Stück zu einer amüsanten Abrechnung mit der zwanghaften Sturheit, die uns begegnet, wenn wir auf einem Amt etwas zu erledigen haben.

Der Text ist so facettenreich geschrieben, dass in einer Rezension gar nicht auf all die Details eingegangen werden kann. Ich bin überzeugt, dass man ihn mehrmals lesen kann und immer wieder auf neue Details stößt und genauso stelle ich mir die Inszenierung vor. Ein Feuerwerk an Witz und Skurrilität, die beim ersten Durchgang einfach den Kopf schütteln lässt über „diese Beamten“ und sich vielleicht erst bei mehrmaligem Besuch in all ihrer Fülle erschließt.

Fazit:

Selten habe ich mich beim Lesen eines Theatertextes so amüsiert wie bei diesem – wie unterhaltsam muss erst das gespielte Stück sein! Ich kann nur hoffen, dass sich viele Bühnen an die szenische Umsetzung des Textes machen und dem „Nichtalltägliches aus dem Leben eines Beamten“ zu der Anerkennung verhelfen, die er sich verdient hat.

„Klassentreffen“

Auch der zweite Text in dieser kleinen Sammlung hat mich vollends überzeugt.

Carsten ruft Marina an, um sie zu einem Klassentreffen einzuladen. Dass die beiden vor zwanzig Jahren eine Beziehung hatten, wird bereits nach mehreren Seiten klar, dass sie im Laufe des Stücks wieder zueinander finden, ist etwas absehbar. Für mich tut das der Qualität des Stücks aber keinen Abbruch, denn das eigentlich Interessante ist der Umstand dieser in aller Öffentlichkeit geführten und trotzdem intimen Unterhaltung.

Es ist „nur“ ein Telefongespräch, das hier auf die Bühne gestellt wird – unterbrochen durch mehrere kleine Rückblenden und gewürzt durch die Kommentare einer Zuhörerin – die vielleicht die Idee zu diesem Stück gewesen sein mag. Wie oft sind wir Zeuge peinlicher Telefonate, die in aller Öffentlichkeit geführt werden und bei denen wir – ohne das zu wollen – in Privatangelegenheiten wildfremder Menschen hineingezogen werden. Und genau diese Rolle nehmen wir als Zuschauer ebenfalls ein und erleben mit wie Marina und Carsten in ihrem Gespräch Höhen und Tiefen durchleben, hoffen und bangen mit ihnen und schmunzeln am Ende, als die unfreiwilligen Zuhörer fordern, über das Ende der Geschichte informiert zu werden.

Fazit

Ein sehr unterhaltsames Stück, das mit einen kritischen Blick auf das Privatleben im Spannungsfeld zwischen Intimität und Öffentlichkeit wirft, uns tief eintauchen lässt in die Gefühlswelt der beiden Protagonisten und uns zu Zaungästen einer neu aufkeimenden Beziehung macht.

Produktinformationen:

Autor: Martin Schörle

Verlag: Engelsdorfer 2016

Aufführungsrechte beim MTT Marianne Terplan Theaterverlag

ISBN: 978-3-96008-408-2D

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